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[RB] Ticino e Italia
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Martin Hoffmann
2004-08-25 19:42:17 UTC
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Hallo,

da ich mich eine ganze Weile vornehm zurückgehalten habe und auf meiner
letzten Reise hinreichend viel seltsames passiert ist, erlaube ich mir,
die werte Leserschaft ein weiteres Mal mit einem Reisebericht zu
belästigen.

Eigentlich wollte ich schon vor einigen Wochen eine Tagesreise ins
Tessin unternehmen, allerdings war damals das Wetter vor Ort hinreichend
schlecht, so dass ich gleich nach Milano weitergefahren bin. Die
Vorbeifahrt am Lago di Lugano war jedoch beeindruckend genug, um mir
eine weitere Reise ins Tessin fest vorzunehmen und diese dann vorletztes
Wochenende auch auszuführen.

Und also stand ich am Freitag wieder einmal früh halb vier auf dem
Hauptbahnhof Karlsruhes. ICE 809 fährt neuerdings planmäßig von Gleis 1
und damit über Durmersheim. An besagtem Gleis 1 stand allerdings schon
etwas, nämlich NZ 301, der eigentlich hätte Karlsruhe vor drei Stunden
verlassen sollen. Am falschen Ende befand sich eine 101, wohl um den
Klimaanlagen Strom zu liefern. Gut, dass die Sparnächte für diesen Zug
ausverkauft waren, eigentlich wollte ich ja damit nach Milano fahren.

Stattdessen nehme ich den 809, der pünktlich auf Gleis 2 kommt und geht.
Beim Ablegen meines Rucksacks auf den mittleren Sitz in meinem
Stammabteil im Wagen 2 fällt die Sitzfläche herunter. Irgendwie wird
die Renovierung der ICE 1 so langsam dringend. In Freiburg stehen wir
10 Minuten ab, die der Lokführer herauszufahren sich nicht beherrschen
konnte. In Basel sind wir pünktlich.

Dort eine Stunde Aufenthalt bis zur Abfahrt des IC 251 "Ticino". Gegen
7 kommt aus Zürich ICE 78 auf Gleis 5 statt 9 und besteht aus einer
Horde EW II. Die weitere Leistung nach Hamburg übernimmt dann aber doch
ein echter ICE, nämlich der Zug der eben noch ICE 809 war. Ich hatte
mich schon gewundert, warum der Zug beim Aussteigen bereits
reservierungsbezettelt war. Wer immer an diesem Tag Platz 84 in Wagen 2
reserviert hatte, wird seine Freude gehabt habe.

Der "Ticino" ist an diesem Freitagmorgen entschieden voller als letztens
am Sonntag. In Luzern wird es richtig dicke. Angesichts des fröhlich
plappernden, kreischenden und singenden Nachwuchses diverser Familien
und meines dem so gar nicht gewachsenen Gemütszustandes entscheide ich
mich, in Arth-Goldau auf den nachlaufenden Schnellzug aus Zürich zu
wechseln. In dem gibt es zwar praktisch keinen Nachwuchs, dafür aber
reichlich Wandergruppen in fröhlicher Erwartung. Ich greife zum letzten
Mittel und überreiche dem Schaffner 16 Franken woraufhin er mir einen
Klassenwechsel ausstellt und Ruhe ist.

Den Gotthard hoch ist das Wetter nicht wirklich berauschend. Kaum aber,
dass "Prossima fermata" in den Ansagen nach vorne rückt, ist alles
bestens: Kein Wölkchen am Himmel und die Klimaanlage bekommt auch
endlich etwas zu tun. In Bellinzona überholt uns schon der nächste IC
nach Milano und um halb zwölf sind wir in Lugano. Ich eile zum Hotel
und lege mich erst mal ein Stündchen auf's Ohr. Irgendwie hat das mit
der Im-Zug-Schlaferei auch schon mal besser funktioniert.

* * *

Für den Samstag hatte ich geplant weiter nach Süden zu fahren, nämlich
noch einmal nach Mailand. Netterweise sind alle urlaubsfreundlichen
Frühzüge nach ebendort Cisalpino mit ihrer Unart, reservierungs-
pflichtig zu sein. Für das winzige italienische Stückchen zwischen
Chiasso und Como wollen die Italiener (oder die Schweizer) geschlagene
8 Franken extra. Egal, dafür kostet die Fahrt im Regionalzug nur drei
fuffzig. Die italienischen Nahverkehrswagen sind freilich verdammt eng.
Einen Gegenüber möchte ich da eigentlich nicht haben. Aber am Samstag
morgen ist alles entspannt. Über eine eine Strecke, auf der vier
fünftel der Bahnhofsnamen mit C beginnen, geht es in Richtung Mailand.

Bei der Ankunft in Milano fällt mir auf, dass ich die Stationen Cadorna
und Porta Garibaldi verwechselt habe. Bei dem darauf folgenden
Fußmarsch in Richtung Innenstadt überlege ich mir, dass es hier so
interessant gar nicht ist. Also begebe ich mich direkt zur Stazione
Centrale, schon ein besseres Ziel im Sinne. Tatsächlich soll in nur
zehn Minuten ein IC nach Savona fahren, nebst Halt in Genova; und da
will ich hin. Also schnellstens zum Automaten geeilt. Der erkennt
dieses Mal auch gleich beim ersten Versuch meine Karte. Weiter zum
Bahnsteig, bis ganz vor, um noch einen leeres Abteil zu ergattern. Nur
fünf Minuten verspätet geht es los. Kurze Halte in Pavia und Voghera,
in Arquata beginnt das Gebirge und der Zug auffällig zu schleichen. Ein
paar Minuten später wird klar, dass der Lokführer damit einen
Signalhalt umgehen wollte. Nützte aber nichts, wir stehen. Nach einer
halben Stunde (oder so, nachdem meine Taschenuhr kaputt gegangen ist,
reise ich jetzt komplett ohne; funktioniert auch) kommt eine Durchsage,
von der ich jedoch nur "materiali" und "venti minuti in ritardo"
verstehe. Nach möglicherweise tatsächlich zwanzig weiteren Minuten
fahren wir dann weiter, vorbei an einem Bautrupp und erreichen Genova
mit ziemlich genau sessanta minuti in ritardo. An der Abfahrtstafel
stehen neben unserem noch zwei weitere IC mit jeweils "nur" dreißig
Minuten angeschlagen und ich plane für die Rückfahrt ein, einen Zug
eher zu fahren. Man will ja nicht in Milano Centrale stranden und einem
Italiener erklären müssen, dass man von seinem Arbeitgeber gerne ein
Hotel bezahlt hätte.

Zu Genua nur soviel: Wow! Nächster Urlaub dort.

Einige Stunden später zurück am Piazza Principe wartet der IC aus
Ventimiglia bereits am Bahnsteig und ist verdammt voll. Ich finde noch
einen Fensterplatz ganz hinten im Raucherwagen und mit so ungefähr fünf
Minuten Verspätung machen wir uns auf den Weg. Bis kurz vor Milano
Lambrate läuft alles gut. Dort überholen wir frech einen ETR 500,
werden dann aber gestutzt und dürfen uns nun unsererseits von ihm
überholen lassen. Und von noch einem fünf Minuten später. Danach
zuckeln wir weiter und kommen an der Einfahrt von Centrale wieder zum
stehen. Diesmal lassen wir den Cisalpino aus Firenze vor. Dann endlich
dürfen auch wir in Centrale einfahren.

Ich lasse den direkt anschließenden IC Richtung Tessin fahren und
machen mich auf die Suche nach etwas zu Essen. Nach erfolgreichem
Abschluss dieser Mission sehe ich mich ein wenig um. An einem Bahnsteig
stehen links das Trenhotel nach Barcelona und rechts der Nacht-IC nach
Reggio di Calabria. Der Ansturm auf beide ist groß, nach Calbria
allerdings größer. Einen Bahnsteig weiter gibt es noch einen Expresszug
nach Palermo. In meinem Geiste entstehen allerlei Pläne.

Mein IC nach Bellinzona steht auch schon bereit. Von seinen zwölf Wagen
sind sechs abgeschlossen, nämlich die beiden Erstklässer am Zugende und
die vier B-Wagen ganz vorn. Aus dem Übergang zwischen zwei Wagen ertönt
ein ohrenbetäubendes und eher beunruhigendes Pfeifen. Das findet auch
das Zugpersonal, welches ein wenig ratlos unter die Waggons blickt, ein
paar Mal irgendwo gegen tritt und dann doch den Wagenmeister holt. Der
hat die Luftschläuche schnell als Ursache ausgemacht und will also die
anderen beiden Schläuche kuppeln. Dort fehlt allerdings in einer
Kupplung die Gummidichtung gleich ganz. Also jemand losgeschickt, eine
solche zu organisieren und in zwei Versuchen ist die Sache erledigt.

Mit den hier wohl üblichen fünf Minuten Verspätungen machen wir uns auf
den Weg. Dämmerung überzieht das Land. Ich verspeise ein Kilo
Weintrauben und lese nebenher in Goethes Italienreise. In Chiasso
kontrolliert man irgendwelche Ausweise, aber wie üblich bin ich keines
Blickes wert.

* * *

Montag früh ziehen Wolken auf. Wenigstens ein Grund, wieder nach Hause
zu fahren. Ich fahre mit dem Stadtbus, einem klimatisierten Daimler
(wie hießen die Dinger gleich noch? Irgendwas mit C, oder?) zuerst ins
Stadtzentrum und dann zum Bahnhof. Als der Bus dort vorfährt, setzt
sich der IC Richtung Gotthard gerade in Bewegung. War ja klar. Eine
halbe Stunde später fährt aber der Schnellzug nach Zürich, nehmen wir
eben den. Zuerst mal über den Gotthard. Wie dann weiter ist mir noch
nicht so recht klar. Zur Kostenminimierung fahre ich auf Tageskarte
(die habe ich schon vor einiger Zeit bezahlt, da fallen die Kosten
nicht zu Lasten dieses Urlaubs), also kann ich den direkten Weg nicht
nehmen, da würde ich ja drauflegen. Außerdem wäre ich schon so gegen
5 Uhr daheim.

In Arth-Goldau will ich erstmal in den nachfolgenden IC nach Luzern
umsteigen und irgendwie in die Romandie fahren. Der kommt aber mit
jämmerlichen sechs Wagen und viel zu vielen Menschen. Ein Gleis weiter
wird gleichzeitig der Voralpen-Express nach Romanshorn angekündigt. Hm,
den haben ich schon mehrmals in Luzern gesehen. Fahren wir halt damit.
Dessen Wagen sind sehr angenehm renoviert und die Strecke quer über den
Berg zum Zürisee könnte eine der meistunterschätzen Bahnstrecken der
Schweiz sein. Ich jedenfalls habe noch nie von ihr gehört und dabei
kommt man hier der stereotypen Schweiz, grün, hügelig, lustige
Häuschen, am nächsten.

In St Gallen verlasse ich den Express. Mittlerweile ist es Zeit,
Richtung Basel zu fahren, wenn ich nicht in Karlsruhe halb zwei Uhr
nachts nach Hause laufen will. Den IR nach Genf lasse ich fahren, der
ist mir zu voll; den nachfolgenden EC aus München kann man sowieso
vergessen. Aber dann fährt ein doppelter ICN und bei dem kann man ganz
nach vorne laufen.

In Winterthur fängt es an zu regnen, in Zürich gießt es. Am Gleis
gegenüber steht ein IC nach Lugano--Milano. Der Drang, da wieder
einzusteigen, ist überwältigend. Ich kämpfe mich aber tapfer zum Gleis
14, wo der IC nach Basel wartet. Dieser Zug erreich Basel 17.52 Uhr,
der Anschluss-ICE fährt 18.13 Uhr. Zwanzig Minuten, um im Reisezentrum
eine Fahrkarte zu kaufen und beim Coop gegenüber das rituelle
Abendbrot. Ich verlasse den Coop 18.12 Uhr (war ja klar), schleiche
noch eine Stunde im Bahnhof umher und fahre mit dem nächsten ICE.

In diesem erlebe ich dann meinen ersten Fall von Zugbindungmissachtung.
Eine mit ihrer Tochter reisende Dame hat den ICE um 18.13 Uhr verpasst
und stattdessen halt einfach diesen hier genommen. Der Zub will eine
Nachzahlung von knapp 80 Euro, die sie aber mangels Bargelds und
Kreditkarte nicht leisten kann. Also erhält sie eine Zahlungsforderung
über knapp 250 Euro, nämlich wohl zwei Vierziger bis Freiburg und dann
zwei Normalpreiskarten bis Dortmund. Zusammen mit der Forderung gibt er
ihr eine Telefonnummer, die die Dame allen ernstes Montag abend gegen
acht noch anruft. Komischerweise ist nur ein Band dran. Sie versucht es
trotzdem wieder und wieder.

Von Basel nach Karlsruhe kann es unglaublich weit sein.

Gruß,
Martin
--
Projekte zum Eisenbahnnetz:
http://www.nvnc.de/de-netz/index.html
*** Streckenatlas (2004-08-23) *** Historische Fakten (2004-03-03)
U***@web.de
2020-10-25 21:47:08 UTC
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Post by Martin Hoffmann
da ich mich eine ganze Weile vornehm zurückgehalten habe und auf meiner
letzten Reise hinreichend viel seltsames passiert ist, erlaube ich mir,
die werte Leserschaft ein weiteres Mal mit einem Reisebericht zu
belästigen.
Eigentlich wollte ich schon vor einigen Wochen eine Tagesreise ins
Tessin unternehmen, allerdings war damals das Wetter vor Ort hinreichend
schlecht, so dass ich gleich nach Milano weitergefahren bin. Die
Vorbeifahrt am Lago di Lugano war jedoch beeindruckend genug, um mir
eine weitere Reise ins Tessin fest vorzunehmen und diese dann vorletztes
Wochenende auch auszuführen.
Auch wenn ich nach 16 Jahren der erste bin, der reagiert:

Danke, ULF

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